Wolfgang von Gronau

Von List nach New York

Jeder Mensch hat einen Traum. Auch der
junge Leutnant Wolfgang von Gronau, der
im Ersten Weltkrieg bei der Kaiserlichen
Marine dient. „Eines Tages“, sinniert der ehrgeizige
Offizier, der es später einmal bis zum
Generalmajor bringen soll, „werde ich nach
New York fliegen.“ Die Prophezeiung erfüllt
sich im Jahr 1930. Wolfgang von Gronau leitet
die Verkehrsfliegerschule in List auf Sylt, und
sein Auftrag am 18. August diesen Jahres lautet:
„Fliegen Sie mit Ihrer Maschine das Nordkap
an und kehren Sie dann nach List zurück.“

14:20 Uhr hebt die zweimotorige „Dornier
Wal D 1422“ bei völliger Windstille ab, an
Bord ein Brennstoffvorrat von 2350 Litern.
Als die Maschine mit dröhnenden Motoren in die Wolken aufsteigt,
wissen auch die drei übrigen Besatzungsmitglieder
nicht, dass von Gronau insgeheim seine eigene Reiseroute
ausgearbeitet hat. Erst zwei Tage später, in
Island, stellt er den Kameraden die Gretchenfrage:
„Ich will weiter nach New York. Fliegt Ihr mit?“ Ko -
pilot Eduard Zimmer, Funker Fritz Albrecht und
Bordwart Franz Hack nicken – und daheim tobt der
Verkehrsminister: Lapidar hatte von Gronau nach
Berlin gekabelt: „Fliegen, Einverständnis vorausgesetzt,
über Grönland nach USA.“
150 Kilometer schafft das „Dornier“-Flugboot in der
Stunde. Nach 44 Stunden, 25 Minuten und 6785
Flugkilometern landet die Maschine im Hafen von
New York. Später erinnert sich der Flugpionier: „Als
wir am Nachmittag des 26. August New York erblicken,
ist der Traum Wirklichkeit geworden. Ungeheuer
ist der Eindruck der Wolkenkratzer. Dann ein
großer Moment: Die Kurve um die Freiheitsstatue.
Die Landung im Hafen mit seinem großen Schiffsverkehr
ist nicht ganz einfach. Endlich, 16:35 Uhr, landen wir.“
Es gibt einen großen Bahnhof für die Helden der
Lüfte. Menschenmassen und Me dienvertreter
strömen neugierig an den Hafen, die Crew gibt ein
Interview nach dem anderen. Aus Deutschland
schickt der Reichsverkehrsminister, nun wieder
versöhnlich gestimmt, ein Telegramm: „Mit Stolz
über den kühnen Flug, mit dem Sie dem Ansehen
unseres Volkes in der Welt einen guten Dienst
erwiesen haben, grüße ich Sie und Ihre Besatzung.“
Wolfgang von Gronau und seine Männer
werden von einem Empfang zum nächsten
gereicht. Unter anderem zu einem Dinner in Anwesenheit
von Charles Lindbergh, „was einen besonderen
Reiz besaß“.
Doch der gesellschaftliche Höhepunkt steht noch
bevor. Am 4. September notiert Wolfgang von Gronau:
„Abends Bahnfahrt nach Washington. Wir
sind beim Präsidenten angemeldet als Krönung
unseres Aufenthalts in den Vereinigten Staaten.“
Eine Seite weiter und einen Tag später: „Präsident
Hoover ist äußerst liebenswürdig und gesprächig.
Wir werden gemeinsam gefilmt und fotografiert.
Dann ist der denkwürdige Augenblick vorbei.“
Zwei Jahre später stellt sich der nunmehr populäre
Pilot einer neuen Herausforderung: Ein Flug um die
ganze Erde soll es diesmal sein. Als er am 24.
November 1932 von seiner Weltreise zurückkehrt,
bereiten ihm die Sylter einen begeisterten Empfang
und begrüßen ihn am Lister Hafen mit einem
dreifachen „Hurra“. Bunte Girlanden flattern im
Wind, der Musikverein spielt einen Marsch, und die
Schulkinder singen folgerichtig „Kommt ein Vogel
geflogen“.
Die Gemeinde List verleiht Wolfgang von Gronau
1932 die Ehrenbürgerschaft, was die Kommune
nicht nur zur Verleihung einer Urkunde und der
Zahlung von 50 Reichsmark verpflichtet, sondern
auch zu einem unentgeltlichen Begräbnis. Seit
1977 ruht der Lister Flugpionier auf dem kleinen
Friedhof inmitten der Lister Dünen. Am Lister
Hafen legt eine Gedenktafel beredtes Zeugnis seiner
Taten ab, und im legendären „Guinness-Buch
der Rekorde“ hat er durch seinen Flug nach New
York das ewige Superlativ „Die erste Ost-West-
Atlantiküberquerung mit einem Flugboot“ errungen.